Expatriate Protection Program – Teil 12.2: Entführungen

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EPP-Expatriate-Protection-Program-Entführungen / Foto: S. Craddock

Im Rahmen des Expatriate Protection Program widmen wir uns nun dem Fall, dass alle Schutzmaßnahmen und SOPs versagt haben und es zu einer Entführung kommt.

Entführung

Um es gleich vorweg zu nehmen: Es gibt keine allgemeingültigen Regeln oder Verhaltensweisen, die auch nur ansatzweise Ihre Unversehrtheit bzw. Ihr Leben während einer Entführung garantieren können. Erschwerend hinzu kommen die unterschiedlichen Meinungen und Empfehlungen der Sicherheitsexperten. Besonders gravierend sind die Unterschiede, was das Verhalten in der ersten Phase der Entführung betrifft. Die Empfehlungen reichen von „Keinen Widerstand leisten und den Anweisungen der Entführer folgen!“ über „Erregen Sie so viel Aufmerksamkeit wie möglich!“ bis hin zu „Rennen Sie in Zick-Zack-Bewegungen vom Entführer weg!“.

Meine Meinung? Bereiten Sie sich so gut wie möglich auf die Entführungssituation vor. Beschaffen Sie sich Information über schon verübte Entführungen (Wie? Wann? Wo? Wer?) und entwickeln Sie Ihre eigene Strategie basierend auf den gesammelten Informationen. Es gibt allerdings einige grundsätzliche Verhaltensempfehlungen, die Sie in Ihre Strategie einbauen bzw. berücksichtigen sollten:

Verhaltensempfehlungen

Besonders in afrikanischen Ländern sollten Sie sich mit Ihrem Kofferraum „vertraut“ machen. Es kommt nicht selten vor, dass bei Entführungen die Opfer in ihren eigenen Kofferraum steigen müssen und weggebracht werden. Haben Sie ein Fahrzeug mit Fernbedienung für den Kofferraum, verstecken Sie eine im Kofferraum. Haben Sie ein Fahrzeug mit mechanischer Kofferraumöffnung, sollten Sie wissen, wo die Kabel verlegt sind und ggf. Werkzeug im Kofferraum verstecken. ABER! Beachten Sie, dass beim Öffnen des Kofferraums der Fahrer ein Signal bekommt.

Versuchen Sie, auch wenn sie wahrscheinlich nichts sehen können, sich die Route einzuprägen: Anzahl der Kurven, Geräusche, Gerüche, Änderungen des Straßenbelages, Bahnübergänge usw. Das hilft Ihnen auch dabei, so ruhig und gefasst wie möglich zu sein. Das Gleiche gilt auch für Ihren Verbringungsort: Prägen Sie sich so viel wie möglich ein! ABER! Provozieren Sie nicht durch übertriebene Neugierde.

Beantworten Sie Fragen wahrheitsgemäß und gehen Sie davon aus, dass die Entführer sich gründlich auf Sie vorbereitet haben. Allerdings gibt es auch an diesem Punkt unterschiedliche Meinungen. Ich persönlich plädiere für die Wahrheit, da im Kontext von Expatriates Geheimnisträger von nationaler Bedeutung eher die Ausnahmen und die wenigsten in Vernehmungs- und Zermürbungstaktiken geschult sind. Und – das ist meiner Meinung nach der wichtigste Grund: Es geht bei Ihrer Entführung nicht um Sie als Person, sondern um Sie als Druckmittel. Die Informationen, die die Entführer brauchten, um Sie als Opfer auszusuchen, haben sie bereits. Ein Leugnen oder Lügen kann als Provokation aufgefasst werden und zu Misshandlungen führen. ABER! Passen Sie Ihre Taktik, Ihre Strategie entsprechend Ihrer persönlichen und der vor Ort herrschenden Situation an. Verhalten Sie sich höflich und kooperativ zu Ihren Entführern. Sprechen Sie mit Ihnen. Dabei sollten Sie kontroverse Themen wie Politik und Religion vermeiden. Auch sollten Sie nicht darüber sprechen, welche Schritte Ihre Firma zu Ihrer Befreiung unternehmen wird. Dies könnte laufende Verhandlungen gefährden bzw. erschweren. Versuchen Sie eine Verbindung zu Ihren Entführern aufzubauen. Je mehr die Entführer Sie als menschliches Wesen sehen, desto besser werden Sie behandelt.

Versuchen Sie, Ihre persönlichen Sachen zu behalten und vermeiden Sie es Ihre Kleidung mit den Entführern zu tauschen. Sollten Sie in einer Gruppe entführt werden, versuchen Sie zusammenzubleiben. Entwickeln Sie eine tägliche Routine. Trainieren Sie Ihren Körper und Geist. Stellen Sie sich auf posttraumatische Depressionen ausgelöst durch den Schock der Gefangennahme ein. Eine sehr gute Vorbereitung auf schwierige, herausfordernde und stressige Situationen ist unser Resilience Training. Geben Sie sich niemals auf! Essen und säubern Sie sich bei jeder gebotenen Gelegenheit. Machen das Essen oder die hygienischen Bedingungen Sie krank, sprechen Sie die Entführer an und bitten Sie um Abhilfe. Im Allgemeinen liegt es im Interesse der Entführer Sie in guter oder aber zu mindesten in lebenserhaltender Verfassung zu erhalten.

Seinen Sie skeptisch gegenüber Informationen, die Sie von den Entführern bekommen. Die Entführer werden Sie, besonders in der Anfangszeit, oft bedrohen, erniedrigen und versuchen Sie zu demoralisieren.

Im Falle eines Rettungsversuches sollten Sie sich flach auf den Boden legen oder sich so klein wie möglich machen und die Hände hinter den Kopf halten, um zu zeigen, dass Sie unbewaffnet sind. Bleiben Sie dort, bis Sie entdeckt werden. Folgen Sie strikt den Aufforderungen der Rettungskräfte. Kein Rennen, kein Aufspringen und keine schnellen Bewegungen ohne Aufforderung!

Im nächsten, abschließenden Beitrag zum Thema “Entführungen” werden wir Ihnen einen grundlegenden möglichen Ablaufplan zum Verhalten im Falle einer Entführung eines Mitarbeiter zusammenstellen.

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